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Vom Winde verweht

Ausschnitte, in denen es um Korsetts oder die Taille geht

Ihr neues Kleid aus grün geblümtem Musselin paßte genau zu den niedrigen Maroquin-Schuhen, die ihr Vater ihr kürzlich aus Atlanta mitgebracht hatte. Zwölf Meter dieses duftigen Gewebes umbauschten mit der Krinoline ihre Hüften, so daß die ganze Schlankheit einer Taille, die in der Provinz ihresgleichen suchte, zur Geltung kam. Das knapp sitzende Mieder umschloß eine für Scarletts sechzehnjährige Jugend wohlgerundete Brust.


Zum erstenmal wurden sie gewahr, wie es in ihren grünen Augen schillerte, wie tief ihre Grübchen waren, wenn sie lachte, was für zierliche Hände und Füße und was für eine schlanke Taille sie hatte.

Sie keuchte noch, denn sie war zu fest geschnürt, als daß sie schnell hätte laufen können.

Ihr Hals war kurz, aber schön gebogen, die Arme lockend und voll. Die Brust, die das Korsett hochschob, war sehr hübsch. ''Schade, daß man die Beine nicht zeigen darf'', dachte sie und zog die Unterröcke empor. Da schauten sie unter den Spitzenhöschen hervor, gut geformt und gerundet, beängstigend hübsch. Sogar auf der Töchterschule in Fayetteville hatten die Mädchen zugeben müssen, daß sie hübsche Beine hatte. Und nun erst ihre Taille in allen drei Provinzen gab es keine schlankere!

Ihre Taille brachte sie wieder auf praktische Gedanken. Das grüne Musselinkleid maß um den Gürtel dreiundvierzig Zentimeter, und Mammy hatte sie für das fünfundvierzig Zentimeter weite Bombasinkleid geschnürt. Mammy mußte sie fester schnüren. Sie öffnete die Tür und rief ungeduldig nach ihr. Sie durfte ungestraft ihre Stimme erheben, denn Ellen war in der Vorratskammer und teilte der Köchin die Vorräte für den Tag zu.

''Einige Leute denken immer, ich kann fliegen'', knurrte Mammy und schlurfte die Treppe hinauf. Keuchend trat sie ein mit dem Gesicht eines Menschen, der auf einen Kampf gefaßt ist und sich darauf freut. In den großen schwarzen Händen trug sie ein Tablett mit dampfenden Speisen, zwei großen Bataten mit Butter darüber, einem Häufchen Buchweizenkuchen, von denen der Sirup herabtroff, und einer großen Scheibe Schinken in einer fetten Sauce. Als Scarlett sah, was Mammy in der Hand trug, wechselte ihr Ausdruck von leichtem Ärger zu Eigensinn. In ihrer Aufregung hatte sie Mammys eherne Regel vergessen, nach der die O'Haraschen Mädchen vor jeder Gesellschaft daheim so viel essen mußten, daß sie dort keiner Erfrischung mehr bedurften.

''Es hat keinen Zweck, ich esse nichts, du kannst es wieder in die Küche bringen.''

Mammy setzte das Tablett auf den Tisch und stellte sich in Positur. ''Du ißt. Ich will es nicht noch einmal erleben, was bei dem letzten Gartenfest passierte, als ich von Schwarzsauer so krank, daß ich dir kein Essen bringen können, hiervon du mir aufessen jeden Bissen!''

''Fällt mir nicht ein. Komm lieber her und schnüre mich fester, sonst kommen wir zu spät. Da kommt schon der Wagen vorgefahren.''. Mammy verfiel in schmeichlerische Töne: ''Miß Scarlett, sei lieb und nur ein kleines bißchen essen. Miß Carreen und Miß Suellen haben ihrs alles aufgegessen.'' ''Das sieht ihnen ähnlich sagte Scarlett verächtlich. ''Die haben nicht mehr Mut als ein Karnickel. Ich will nichts! Ich weiß noch, wie ich einmal alles gegessen hatte und zu Calverts ging, und da gab es Rahmeis, das sie die ganze Strecke von Savannah herangeholt hatten, und ich konnte nur einen Löffel davon essen. Heute will ich es mir gut gehen lassen und so viel essen, wie ich Lust habe.''

Vor so viel Trotz senkte Mammy entrüstet die Brauen. Was ein junges Mädchen durfte und was nicht, war in Mammys Kopf eingeteilt in Schwarz und Weiß. Eine Mitte gab es da nicht. Suellen und Carreen waren wie Wachs in ihren gewaltigen Händen und hörten ehrfürchtig auf ihre Ermahnungen. Aber Scarlett beizubringen, daß fast alle ihre natürlichen Neigungen und Einfälle nicht damenhaft seien, war immer ein hartes Stück Arbeit gewesen. Mammys Siege über Scarlett waren schwer erkämpft und zeugten von Winkelzügen, die einem weißen Verstand unbekannt waren.

''Wenn es dir einerlei ist, wie Herrschaften über unsere Familie reden, mir nicht einerlei'', murrte sie. ''Ich wollen nicht dabeistehen, wenn sie alle auf da Gesellschaft sagen, Miß Scarlett nicht gut erzogen, ich dir immer schon sagen, daß man eine Dame daran erkennen ob sie wie ein kleines Vögelchen essen, und du sollst mir nicht zu Wilkes gehen und wie ein Ackerknecht essen und dich vollstopfen wie ein Schwein.''

''Mutter ist eine Dame und ißt doch'', gab Scarlett zurück.

''Wenn du verheiratest bist, darfst du auch essen'', entgegnete Mammy.

''Als Mrs. Ellen so alt war wie du, sie nie essen, wenn sie bei fremden Leuten war, und auch Tante Pauline und Tante Eulalia nicht, und die haben alle geheiratet; junge Fräuleins; die so viel essen, kriegen nie einen Mann.''

''Das glaube ich nicht. Bei dem Gartenfest, wo dir schlecht wurde und ich vorher nichts gegessen hatte, sagte Ashley Wilkes, ein Mädchen mit einem gesunden Appetit gefalle ihm.''

Mammy schüttelte unheilverkündend den Kopf. ''Was ein Herr sagen und was er denken - gar nicht dasselbe! Und ich haben nicht gemerkt, daß Mr. Ashley um dich anhalten.''

Scarlett wollte ihr scharf erwidern; faßte sich aber. Als Mammy ihre Verstocktheit sah, nahm sie das Tablett wieder auf und änderte mit der geriebenen Sanftmut ihrer Rasse die Taktik. Sie ging zur Tür und seufzte:

''Nun, meinetwegen. Als Cookie das Essen zurechtstellte, ich sagte ihr: du eine Dame an dem erkennen, was sie nicht essen, und ich sagte Cookie: ich nie eine weiße Dame gesehen, die weniger essen als Miß Melly Hamilton das letztemal, als sie Mr. Ashley - ich meinen Miß India - besuchen.''

Scarlett warf ihr einen scharfen, argwöhnischen Blick zu, aber auf Mammys breitem Gesicht stand nur die reine Unschuld geschrieben und ein Bedauern darüber, daß Scarlett weniger Dame sei als Melanie Hamilton.

''Setz dein Tablett hin und schnür mich fester'', sagte Scarlett gereizt. ''Nachher will ich versuchen, ein wenig zu essen. Wenn ich jetzt äße, könntest du mich nicht fest genug schnüren.''

Mammy verbarg ihren Triumph und setzte das Tablett wieder hin: ''Was will mein süßes Lämmchen anziehen?''

''Dies'', Scarlett zeigte auf die duftige Masse grünen geblümten Musselins. Sofort war Mammy in Harnisch.

''Nein, das tust du nicht, das passen nicht für den Morgen vor drei Uhr darfst du den Busen nicht offen tragen, und dieses Kleid haben nicht Kragen noch Ärmel, du kriegen Sommersprossen, und das wollen ich nicht erleben nach all der Buttermilch, die ich dir aufgelegt, um Sommersprossen wegbleichen, die du dir in Savannah am Strand geholt, ich sagen deiner Mutter.''

''Wenn du ihr ein Wort sagst, ehe ich angezogen bin, esse ich keinen Bissen'', sagte Scarlett kühl. ''Nachher hat Mutter keine Zeit, mich wieder hinaufzuschicken, damit ich mich noch einmal umziehe.'' Mammy seufzte ergeben, denn nun war sie geschlagen. Von beiden Übeln war es noch das kleinere, daß Scarlett morgens ein Nachmittagskleid trug, als daß sie schlang wie ein Schwein.

''Halt dich fest und zieh den Atem ein'', befahl sie. Scarlett gehorchte und klammerte sich an einen Bettpfosten. Mammy zog und zerrte aus Leibeskräften, und als der schmale Umfang der in Fischbeine gezwängten Taille immer noch schmäler wurde, bekamen ihre Augen einen stolzen, liebevollen Glanz. ''Kein Mensch haben so eine Taille wie mein süßes Lämmchen'', sagte sie befriedigt. ''Jedesmal, wenn ich Miß Suellen enger als fünfzig schnüre, sie beinahe fallen in Ohnmacht.''

''Puh!'' Scarlett schnappte nach Luft und brachte kaum die Worte heraus: ''Ich bin noch nie in Ohnmacht gefallen.''

''Nun, es schaden gar nichts, wenn du das ab und zu tun'', riet Mammy. ''Du manchmal viel zu derb ich dir schon immer sagen wollen, es macht kein guten Eindruck, daß du bei Schlangen und Mäusen und dergleichen nie in Ohnmacht fallen, nicht gerade zu Hause, aber doch wenn du ausgehst, und ich haben dir immer wieder.''

''Still Ich bekomme schon einen Mann, du wirst sehen, auch wenn ich nicht quieke und ohnmächtig werde. Du meine Güte, sitzt das aber fest! Nun zieh mir das Kleid an.''

Mammy ließ behutsam die zwölf Meter grünen, geblümten Musselins über die gewaltigen Unterröcke fallen und hakte die enge, tief ausgeschnittene Taille zu. - ''Daß du mir aber den Schal um die Schultern behältst, wenn du in die Sonne gehst, und den Hut nicht abnimmst, wenn du heiß bist'', befahl sie. ''Sonst kommst du braun nach Hause wie der alte Slattery, aber nun essen, mein Lämmchen, aber nicht zu schnell, es haben keinen Zweck, wenn alles gleich wieder rauskommen.''

Scarlett setzte sich gehorsam zum Essen und wußte nicht recht, wie etwas in ihren Magen gelangen und ihr dann noch Platz zum Atmen bleiben könnte. Mammy nahm ein großes Handtuch vom Waschtisch, band es Scarlett vorsichtig um den Hals und breitete den weißen Stoff über ihren Schoß. Scarlett fing mit dem Schinken an, weil sie gern Schinken aß, und schluckte ihn mit Mühe hinunter.

''Ach Gott, wäre ich doch erst verheiratet'', seufzte sie bitter, als sie sich mit Widerwillen an die Bataten machte. ''Ich habe es satt, ewig dies unnatürliche Wesen und daß ich nie tun darf was ich will. Ich habe keine Lust mehr, so zu tun, als äße ich nicht mehr als ein Vögelchen, zu gehen, wenn ich lieber liefe, und zu behaupten, mir wäre nach dem Walzer schwindelig, wenn ich doch zwei Tage lang weitertanzen könnte, ohne müde zu werden. Ich habe keine Lust mehr, jedem Schafskopf, der nicht mal so viel Verstand hat wie ich, zu sagen: 'Sie sind wirklich fabelhaft', und immer so zu tun, als wüßte ich nichts, so daß die Männer mir von allem möglichen erzählen können und sich dann noch wichtig vorkommen. Nun kann ich aber keinen Bissen mehr essen!''

''Nimm von dem heißen Kuchen'', mahnte Mammy unerbittlich.

''Warum muß ein Mädchen immer so albern sein, wenn es einen Mann haben will?''

''Ich mir denken, weil die Männer nicht wissen, was sie wollen, sie wissen nur, was sie sich einbilden, daß sie wollen, und wenn man ihnen ihren eingebildeten Willen tut, spart das einem einen ganzen Haufen Unglück und man nicht alte Jungfer, sie bilden sich ein, sie brauchen dumme kleine Mäuschen mit dem Geschmack wie ein Vögelchen und ohne allen Sinn und Verstand, einem Mann vergeht die Lust, eine Dame zu heiraten wenn er Verdacht hat, sie sein am Ende verständiger als er.''

''Aber glaubst du nicht, die Männer wundern sich nach der Heirat wenn sie merken, daß ihre Frauen doch Verstand haben?''

''Dann ist es eben zu spät, dann sind sie schon verheiratet. Außerdem von ihren Frauen erwarten die Herren, daß sie Verstand haben.''

''Später tu ich doch, was ich will, und sage ich, was ich will, und wenn die Leute das nicht mögen, ist es mir gleichgültig.''

''Nein, das tust du nicht'', schalt Mammy. ''Nicht, solange ich noch atmen, nun ißt du deinen Kuchen, tunk ihn in die Sauce mein Liebling.''



Das Kleid hatten sie abgelegt, das Korsett gelockert, die Haare flossen geöffnet über den Rücken herab. Ein Nachmittagsschlummer war auf dem Lande Sitte...

So schnell rannte sie die Treppe hinauf, daß sie meinte, ihr schwänden die Sinne. Sie blieb stehen, packte krampfhaft das Geländer, ihr Herz hämmerte so wild vor Zorn, Gekränktheit und Anstrengung, daß ihr war, als müsse es ihr Kleid zersprengen. Sie versuchte tief zu atmen, aber dafür hatte Mammy sie zu fest geschnürt. Wenn sie nun ohnmächtig wurde, und man find sie hier auf dem Treppenabsatz, was sollten die Leute denken? Oh, die dächten sich schon ihr Teil, Ashley und dieser gemeine Butler und die gräßlichen Mädchen, die alle so eifersüchtig waren! Zum erstenmal in ihrem Leben hätte sie gerne Riechsalz gehabt wie die anderen Mädchen, aber sie hatte nie auch nur ein Riechfläschchen besessen. Sie war immer so stolz darauf gewesen, daß ihr nie schwindelte. Es ging einfach nicht an, daß sie jetzt ohnmächtig wurde!

Eilig lief sie die beiden Häuserblocks entlang bis zur Pfirsichstraße und sog die reinere Luft in so tiefen Zügen ein, wie es ihr festgeschnürtes Korsett nur zuließ.

Als sie das Leydensche Haus vor sich sah, begann sie zu keuchen, denn ihr Korsett war fest geschnürt, aber sie dachte nicht daran, ihre Schritte zu mäßigen.

Vor den Stufen der Weslykapelle sank sie nieder und barg den Kopf in den Händen, bis ihr das Atmen wieder leichter wurde. Wenn doch ihr Herz aufhören wollte zu hämmern, zu trommeln und zu jagen. Ihr war, als schnitte das Korsett ihr die Rippen mittendurch. Könnte sie doch nur einmal bis tief in den Bauch hinein Atem holen!

Sie sank in ihren Stuhl zurück. Wenn sie nur das feste Korsett los wäre, den Kragen, der sie erstickte, und die Schuhe voll Sand und Kies, die ihr die Füße wund rieben!

Dann fand sie sich in ihrem eigenen Zimmer wieder und auf ihrem eigenen Bett. Der schwache Schimmer des Mondes erhellte die Dunkelheit, Mammy und Dilcey zogen sie aus. Das peinigende Korsett zwängte nicht mehr ihre Taille ein, sie konnte tief und ruhig bis auf den Grund der Lunge atmen.

Sie wand und krümmte sich hin und her in dem eisernen Griff seines Armes, das Herz hämmerte ihr zum Zerspringen, das enge Korsett schnürte ihr die Luft ab.

Aus einiger Entfernung sah sie wie ein kleines Mädchen aus, wenn sie im Hintergarten mit ihrem Jungen spielte, so unglaublich zierlich war ihre Taille, und Figur hatte sie eigentlich überhaupt nicht mehr. Ihre Brust trat kaum hervor, ihre Hüften waren schmal wie die des kleinen Beau, und da sie weder eitel war noch nach Scarletts Ansicht verständig genug, Rüschen in ihre Taille und eine Wattierung hinten in ihr Korsett zu nähen, so fiel ihre Magerkeit sehr auf.

Noch aufregender als ihr Umgang waren die Kleider, die Rhett ihr kaufte, und deren Farben, Stoffe und Muster er selber aussuchte. Reifröcke waren nicht mehr Mode. Die neuen Modelle waren reizend. Die Röcke waren vorn straffgezogen und hinten über eine Turnüre drapiert und mit Blumenkränzen, Schleifen und Spitzenfallen garniert. Sie dachte an die diskreten Reifröcke der Kriegsjahre und genierte sich ein bißchen, die neumodischen Röcke zu tragen, weil sich unleugbar der Bauch darin abzeichnete. Und die niedlichen kleinen Hüte, die in Wirklichkeit gar keine Hüte waren, sondern nur ein winziges flaches Etwas, mit Früchten, Blumen, wippenden Federn und flatternden Bändchen überladen, und tief über dem einen Auge getragen wurden.

Wäre Rhett doch nur nicht so töricht gewesen und hätte die falschen Löckchen verbrannt, mit denen sie ihrem Knoten aus dem indianerhaft glatten Haar, der hinten aus den kleinen Hüten hervorsah, etwas nachhelfen wollte!

Und die feine Wäsche, die in Klöstern genäht wurde! Bezaubernd war sie, und Scarlett hatte eine ganze Reihe Garnituren davon, Hemden, Nachthemden und Unterröcke aus feinstem Leinenbatist mit zierlicher Stickerei und winzigen Säumen. Und die Seidenschuhe, die Rhett ihr kaufte. Drei Zoll hohe Hacken hatten sie und riesige, glitzernde Schnallen. Und seidene Strümpfe, ein Dutzend Paare und keins davon mit baumwollenem Rand. Was für Reichtümer!

Verschwenderisch kaufte sie Geschenke für die Familie ein. Einen zottigen Bernhardinerhund für Wade, der sich schon immer einen gewünscht hatte, ein Angorakätzchen für Beau, ein Korallenarmband für die kleine Ella, einen schweren Halsschmuck mit Mondsteintropfen für Tante Pitty, eine vollständige Shakespeare-Ausgabe für Melanie und Ashley, eine vornehme Livree und einen seidenen Kutscherzylinder mit einer großen Kokarde an der Seite für Onkel Peter, dazu Kleiderstoffe für Dilcey und Cookie und kostspielige Gaben für jedermann auf Tara.

''Was hast du denn für Mammy gekauft?'' fragte Rhett, als er die Geschenke durchsah, die auf dem Bett in ihrem Hotelzimmer ausgebreitet lagen, und den Bernhardiner und das Kätzchen ins Ankleidezimmer brachte.

''Nicht ein Stück. Sie ist zu scheußlich. Warum soll ich ihr etwas mitbringen, wo sie uns Maultiere schimpft?''

''Daß du es immer krumm nimmst, wenn dir jemand die Wahrheit sagt, mein Herz! Du mußt Mammy etwas mitbringen. Es bräche ihr das Herz, wenn du es nicht tätest, und ein Herz wie ihres ist zu kostbar, als daß es brechen dürfte.''

''Ich bringe ihr nicht ein Stück mit. Sie hat es nicht verdient.''

''Dann kaufe ich ihr etwas. Ich weiß noch, wie meine Mammy immer sagte, wenn sie in den Himmel komme, wolle sie einen Taftunterrock anhaben, der so steif sei, daß er allein stehen könne, und so raschelte, daß der Herrgott meinen würde, es seien die Engelsfügel.



''Nein, aber ich will. Meinst du, ich will mir wieder die ganze Figur verderben, nachdem ich eben wieder die richtige Taillenweite habe und mein Leben genießen will?''

Als Scarlett endlich wieder ausgehen konnte, ließ sie sich von Lou so fest schnüren, wie es irgend auszuhalten war, dann legte sie sich das Meßband um die Taille. ''Fünfzig Zentimeter!'' Sie stöhnte. Das hatte sie nun davon. Ihre Taille war so dick wie Tante Pittys, fast so dick wie Mammys.

''Zieh noch fester an, Lou, und sieh, ob du es nicht auf sechsundvierzig Zentimeter bringst, sonst passe ich in keines von meinen Kleidern hinein.''

''Dann reißen die Schnüre'', sagte Lou. ''Missis sind eben dicker geworden, dabei ist nichts zu machen.''

''Dabei ist doch etwas zu machen'', dachte Scarlett bei sich, als sie wütend die Nähte ihres Kleides auseinanderriß, um die fehlenden Zentimeter auszulassen. ''Ich bekomme eben keine Kinder mehr.''



Als Lou die Nähte wieder zusammengenäht und geglättet und Scarlett das Kleid zugeknöpft hatte, bestellte sie den Wagen und fuhr zum Holzlager hinaus. Auf der Fahrt wurde sie bald guten Mutes und vergaß ihre Taille, denn im Lager wollte sie Ashley sprechen und die Bücher mit ihm durchsehen.

''Ich habe nun einmal die merkwürdige Schwäche, Leute, die mir die Wahrheit sagen, nicht niederzuschießen. Aber wir haben jetzt keine Zeit zum Reden, steh auf!''

Sie setzte sich und zog ihren Schlafrock fester um sich, ihre Augen forschten in seinem Gesicht. Es war dunkel und unbewegt. ''Ich gehe nicht mit, Rhett, ich kann nicht, bis dieses...Mißverständnis aufgeklärt ist.''

''Wenn du dich heute abend nicht zeigst, so kannst du dich dein Lebtag in der Stadt nicht mehr blicken lassen. Eine Dirne kann ich zur Not als meine Frau dulden, eine feige Memme aber dulde ich nicht. Du kommst heute abend mit, und wenn dich jedermann von Alex Stephens abwärts schneidet und Mrs. Wilkes uns auffordert, das Haus zu verlassen.''

''Rhett, hör mich an.''

''Ich will nichts hören. Wir haben keine Zeit. Zieh dich an.''

''Sie haben es mißdeutet, India, Mrs. Elsing und Archie. Sie hassen mich alle. India haßt mich so sehr, daß sie sich nicht scheut, ihren Bruder zu verleumden, wenn sie mir damit schaden kann. Wenn du mich nur anhören wolltest!''

''Ach, Mutter Gottes'', dachte sie in ihrer Herzensangst, ''wenn er nun sagen würde: 'Sprich', was soll ich dann sagen? Wie kann ich es ihm klarmachen?'' ''Sie haben es natürlich schon allen vorgelogen. Ich kann nicht hingehen.''

''Du kommst mit'', sagte er, ''und wenn ich dich beim Genick hinschleifen und dir Schritt für Schritt mit meinem Stiefel in deinen reizenden Hintern nachhelfen soll.'' Seine Augen glänzten eiskalt, als er sie aus dem Bett riß. Er nahm ihr Korsett und warf es ihr zu.

''Zieh an. Ich will dich schnüren. O ja, ich verstehe mich aufs Schnüren. Nein, ich rufe nicht Mammy, denn dann schließt du, feige wie du bist, die Tür ab und verkriechst dich.''

''Ich bin nicht feige'', fuhr sie auf, und bei seiner Beschimpfung verging ihr die Angst. ''Ich habe...''

''Ach, verschone mich mit deinem Märchen von dem erschossenen Yankee und Shermans Armee, der du entgegengetreten bist. Du bist feige. Wenn nicht deinetwegen, so mußt du heute abend doch um Bonnies willen gehen. Willst du ihre Aussichten noch weiter verderben? Zieh dein Korsett an, schnell!'' Eilig ließ sie den Schlafrock fallen und stand im Hemd da. Wenn er nur sehen wollte, wie hübsch sie im Hemd war, vielleicht machte er dann nicht mehr ein so fürchterliches Gesicht. Er hatte sie ja seit Ewigkeiten nicht mehr im Hemd gesehen. Aber er schaute gar nicht hin. Er stand vor ihrem Schrank, musterte rasch ihre Kleider, suchte und nahm ihr neues jadegrünes Moirekleid heraus. Es war vom tief ausgeschnitten, und der Rock war hinten über eine große Turnüre drapiert, auf der ein Strauß von roten Samtrosen steckte..

''Zieh das an'', sagte er, warf das Kleid aufs Bett und kam auf sie zu.

''Kein sittsames, frauliches Taubengrau und Lila heute abend. Du sollst deine Flagge am Mast festnageln, sonst streichst du sie mir noch. Und leg tüchtig Rouge auf. Die Frau, die die Pharisäer beim Ehebruch ertappten, sah bestimmt nicht halb so bleich aus wie du. Dreh dich um!'' Er nahm die Korsettschnüre in die Hand und zog so heftig daran, daß sie, beschämt und gepeinigt von seinem unpassenden Tun, angstvoll auf schrie.

''Tut weh, was?'' Er lachte kurz auf, sein Gesicht konnte sie nicht sehen. ''Schade, daß nicht der Hals drinsteckt. In Melanies Haus war jedes Zimmer hell erleuchtet, und schon von fern hörten sie die Musik. Als sie vorfuhren, drang das freudig erregte Gesumme und Geschwätz vieler vergnügter Leute ihnen entgegen. Das Haus war von Gästen überfüllt, die Zimmer waren zu eng, man strömte auf die Veranda heraus, viele saßen auf den Bänken in dem dämmerigen, von Laternen erhellten Garten.

''Ich kann nicht hinein, ich kann es nicht, dachte Scarlett in ihrem Wagen und zerknüllte ihr Taschentuch. ''Ich kann nicht, ich will nicht, ich springe hinaus und laufe weg, einerlei wohin, nach Hause, nach Tara. Warum hat Rhett mich gezwungen, herzukommen! Was werden die Leute tun? Was tut Melanie? Wie sie wohl aussieht? Ach, ich kann ihr nicht unter die Augen treten. Ich laufe davon.''



Keuchend stürzte sie weiter hinauf, die nassen Röcke schlugen ihr kalt um die Schenkel, die Lunge wollte ihr bersten, das festgeschnürte Korsett preßte ihr die Rippen ins Herz.
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