Die Legende der Cathérine Personen Ethel Granger
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Polaire

Aus Romi, Petite Histoire des Cafés Concerts, Ed. Chitry, 1950, S. 48

Polaire (1879-1939) wurde in Algier geboren als Emilie-Marie Bouchaud. Als Mädchen war sie normal schlank, hatte den ''sehnigen, muskulösen Körper eines kleinen Arabers'' und (wie sie selbst einmal sagte) einen Brustkorb wie ein spanischer Torero. Nach einem Anfang in der music-hall kam sie durch ihre Freunde Willy und Colette als konventionelle Schauspielerin in deren Stück Claudine à Paris (1902) zu Ruhm und Ansehen. Diese beiden waren es auch, die sie zum Ideal der jungen Frauen machte, im geistigen wie auch im sexuellen Bereich, und die sie zum tight-lacing brachten und ihre Taille bekannt machten als ''etwas, um das sie von jeder modern geschnürten Biene beneidet würde''.

Ihre Förderer legten besonderes Augenmerk auf ihre vermeintliche Häßlichkeit - ihre großen Händen und Füße, ihre dicken Lippen und ihre lange Nase. In bebilderten Zeitungsartikeln wurde ihr Profil mit dem ihres Hausschweins, das ein juwelenbesetztes Halsband trug, verglichen. Sie trug auch, wie ein Schwein, einen Nasenring, und erklärte vor ihrer USA-Tour 1913, das sei ihr ''Protest gegen das, was allgemein als ''fein'' betrachtet wird''. Sie zeigte sich als Gegnerin der feinen Gesellschaft, und auf der Bühne pflegte sie einen sinnlichen, barbarischen Stil. In ihrer Zeit hatte sie den Ruf, eine ausgezeichnete Darstellerin zu sein. ''Sie freut sich hämisch über ihre schweißtreibende Leidenschaft - ein ungezähmtes und unbezähmbares Mädchen...als Schauspielerin eher barbarisch als tragisch'' (Archie Bell, ''The Ugliest Actress'', The Green Book Magazine (Chicago), May 1914, S. 833-840). Ihre wespengleiche Taille ist demnach nicht als Übertreibung einer längst vergangenen Mode zu sehen, sondern als bewußt erstrebter Barbarismus.

Vor ihrem ersten USA-Besuch wurde sie dort als eine Art Zirkusfigur angekündigt: ''Die häßlichste Frau von ganz Paris mit der schmalsten Taille der Welt.'' Um ihre Taille wurde viel Aufhebens gemacht. ''Als sie gestern abend ihren schwarzen Seidenumhang ablegte, tat sie das bewußt langsam und bedächtig, um ihr Publikum möglichst lange auf die Folter zu spannen, wie sich das bei der Enthüllung einer solch einzigartigen Besonderheit gehört, und den anwesenden Frauen stockte der Atem vor Begeisterung.'' Zusammen mit dem Programm für den Abend wurde ein Maßband von 14 Zoll ausgegeben, worauf zu lesen stand: ''Dies ist Polaires Taillenweite. Und wie groß ist ihre?'' Ein Song, der extra für sie geschrieben wurde, begann so: ''Quand j'débutais au music-hall, / ma taille tenait dans un faux-col.'' (wörtl.: ''Als ich anfing in der music-hall, paßte meine Taille in den Kragen eines Männerhemdes''), eine Aussage, die einige Galanterien zur Folge hatte, George Herriot z.B. bot ihr einen diamantbesetzten Gürtel, wenn sie diese Behauptung an seinem Hemdkragen wahr machen würde. Vor ihrem Auftritt im Londoner Koliseum im Jahre 1915 stellte ihr Manager William Hammerstein eines ihrer 14-Zoll-Korsetts in einem Schaukasten in einer Ecke des Theaters aus und äußerte gegenüber der Presse, daß diese Taille ein ''Geschenk der Götter'' sei.

Sie war ungefähr 1,61 m groß, mit einem Brustumfang von 96,5 cm (38'') und einem Hüftumfang von 86,4 cm. In ihrer Autobiographie (Polaire par elle même, 1933) schreibt sie, daß ihre Taille von Natur aus so schmal war, die weniger wespenähnliche Erscheinung auf den Photos aus der Zeit, bevor ihre große Karriere begann, erklärt sie damit, daß sie sich ausgepolstert hatte, um ''menschenähnlicher auszusehen''. Die schmalste veröffentlichte Taillenweite ihrer frühen Jahre (um 1902) betrug 41 und 42 cm (16 1/4 bis 16 1/2 Zoll); danach variierte sie, wahrscheinlich aufgrund von zeitweisen Gewichtszunahmen, und betrug bis zu 48 cm (19 Zoll, z B. in ''an unretouched photograph'', veröffentlicht 1909). Man weiß nicht, wie lange sie die Hemdkragen-Taille hatte, die Autoren wählten offensichtlich Phantasiezahlen, wobei 14 Zoll die niedrigste war. In Stellungnahmen, die nach ihrem Tod niedergeschrieben wurden findet man widersprüchliche Angaben wie ''die genaue Taillenweite wurde nie ermittelt'' und ''1910 wurde sie öffentlich gemessen und auf 14 Zoll festgesetzt''.

Der Bericht von Jean Lorrain über Polaires Auftritte ruft viele Erinnerungen wach: ''Polaire! Die aufregende und aufrührerische Polaire! Die Miniaturausgabe jeder Ihnen bekannten Frau, die Schmalheit ihrer Taille liegt an der Schmerzgrenze, man meint, sie müsse laut aufschreien oder in der Mitte auseinanderbrechen, und das in einem atemberaubend engen Oberteil, eine wunderschöne Figur! Und, unter einem ausgefallenen, kartoffelstampferförmigen, orangefarbenen Hut mit Schwertlilienblättern, der große gierige Mund (sie färbte Zahnfleisch und Zunge rot), die großen, schwarzen Augen, schwarz umrandet, zugekniffen, entfärbt, die Glut ihrer Pupillen, das wirre, dunkle Haar, der Phosphor, der Schwefel, der rote Pfeffer dieses makabren, Salome-ähnlichen Gesichtes, die aufregende und aufrührerische Polaire!

''Welch eine teuflische Mimik, welch eine Kaffeemühle und welch eine Bauchtänzerin! Mit kurzem gelbem Rock und durchbrochenen Strümpfen bekleidet hüpft und springt sie, windet und krümmt die Hüfte, den Rücken und den Bauch, mimt alle Arten von Stößen, Drehungen, Rollen und Spiralen, dabei zittert sie wie eine Wespe in Todesgefahr, miaut und wird ohnmächtig, und das alles auf dem Hintergrund der passenden Musik und des passenden Textes...das Publikum, wie betäubt, vergißt zu applaudieren...''


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