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Die Legende der Cathérine de Medici

Übersetzung aus ''Fashion and Fetishism'' von David Kunzle

Diese Legende ist uns in der Literatur als historische Tatsache überliefert und sie wird so erstaunlich häufig erwähnt, daß man sich mit ihrem Ursprung und ihrer Bedeutung einmal näher befassen sollte. Es wäre langweilig, hier all die modernen Kostümgeschichten aufzuzählen, die man sich heute erzählt; nur so viel sei gesagt, daß diese Geschichte sogar von dem Gelehrten C. Willett Cunnington für glaubwürdig befunden wird (1951, S. 161-62), und daß sie ins Guiness Book of Records aufgenommen wurde, wo sie trotz eines langen Briefes, den ich 1977 an den Verleger schrieb, auch bleiben wird. Diese Legende wurde mit der Zeit länger, wie das so allgemein bei Legenden der Fall ist. Wahrscheinlich nahm sie ihren Anfang in Frankreich, obwohl sie ihre endgültige Form durch englische Statistiker erhielt. Bis zum frühen 19ten Jahrhundert wird Cathérine de Medici in der Korsettliteratur nicht erwähnt; das Korsett wird sogar eher als nicht-französisch betrachtet, man nimmt an, daß es ''gotischen'' oder germanischen Ursprungs sei. Die französische Königin erwähnt es meines Wissens erstmals 1857 in einem Werk über die hygienischen Verhältnisse im Zusammenhang mit Kleidung (Debay, S. 160), worin steht, daß der ''corps baleiné'' (Fischbeinmieder) von Isabella von Bayern (1370-1435) erfunden wurde, die als böse, germanische, politische Intrigantin bekannt war, man sagte aber auch, sie liebe den Luxus und sei die Erfinderin von 'brazen décolletage'. Das Kleidungsstück wurde dann über den direkten Einfluß Cathérine's bekannt gemacht, so daß ''die Frauen kaum noch atmen konnten''.

Bouvier als sorgfältigerer Historiker der Mitte des Jahrhunderts zitiert zeitgenössische Quellen, um zu beweisen, daß es das Eng-Schnüren unter Cathérines Herrschaft gegeben hatte, er behauptete aber nicht, daß sie selbst es auch praktiziert habe. 1863 verband Mongéri eine von dem Annalisten Brantôme stammende Beschreibung der Königin (''sie hatte eine schöne und opulente Figur... sie kleidete sich stets sehr gut... und aufwendig, und ließ sich stets etwas Neues einfallen'') mit der merkwürdigen Glosse, daß sie, um ihre Herrschaft zu festigen, das Korsett als politisches Druckmittel eingesetzt habe, und das in einem Land, das vom Bürgerkrieg erschüttert war. Das machte die Runde ''wie der Blitz''. Für Mongéri lief die Ausdehnung des Körpers der Königin parallel zur Ausweitung ihrer unterdrückenden Politik. Nach zeitgenössischen Aussagen hatte sie zwischen 30-40 Jahren ihre körperliche Bestzeit, sie war schlank und robust (i. e., Mitte des Jahrhunderts, vor dem Ausbruch des Bürgerkrieges und der folgenden Unterdrückung). Um 1562 wird sie als ''schon stämmige Frau'' beschrieben und später wurde sie so fett, daß sie kaum laufen konnte - ein schlechtes Vorbild für die eng geschnürten Damen am Hofe (vgl. Sichel).

Wenn Sie diese ungewöhnlich modische Epoche genauer kennenlernen möchten, bietet sich eine Reise nach Frankreich an. Dort finden Sie in vielen Museen Bilder, Kostüme und viele Alltagsgegenstände aus dieser Zeit und können sich selber ein Bild von den ungewöhnlich schmalen Taillen der damaligen Zeit machen. Über das Internet können Sie ganz einfach einen Flug buchen und die Preise sind zu bestimmten Zeiten so niedrig, dass weder Bahn noch Auto mithalten können. Ganz abgesehen von der großen Zeitersparnis. Bei Airlines gibt es zum Teil sogar heute noch körperliche Rahmenbedingungen für Flugbegleiterinnen, allerdings nicht so harte, wie bei Cathérine: Sie dürfen bei manchen Fluggesellschaften ein bestimmtes Körpergewicht nicht überschreiten. Begründet wird dies mit der Treibstoffersparnis.

In der ersten englischen Einzeldarstellung (La Santé, 1865, S. 4), wird gesagt, ''daß Cathérine die Standardtaillenweite auf 13 Zoll (33cm) festsetzte'' (my stress). Diese Vermutung wird bestätigt und praktisch verbindlich durch den Fetischisten William Lord, der begeistert ausschmückt (S. 71): ''In keiner Ära der Weltgeschichte wurden die (Mode)Gesetze so enorm streng gehandhabt, und die Damen am Hof wie auch in gehobenen Kreisen sind mehr denn je gezwungen, ihnen Folge zu leisten. Durch sie (Cathérine) wurde eine dicke Taille zu einer Abscheulichkeit, es wurde auf außerordentliche Schlankheit bestanden, 13 Zoll (33cm) waren der Modestandard und galten als elegant.'' Lord schließt auf diese Standard-Taillenweite aus den alten Eisenkorsetts, die in europäischen Museen noch zu sehen sind (Tafel 7), er war anscheinend der erste, der sie wahrnahm und reproduzierte und der sie genauestens beschrieb, offensichtlich aus erster Hand. Sie mögen tatsächlich aus dem späten 16. Jahrhundert stammen, aber sie messen um die Taille mehr als 13 Zoll (33cm), und weder Lord noch irgendeiner der unzähligen anderen Autoren, die von ihm abschrieben, haben einen Beweis, der die Standardgröße 13 Zoll belegen würde. (Die Zahl ist wohl nicht willkürlich, sondern stellt die kleinste Taillenweite dar, die man sich zur Zeit Lords vorstellen konnte.) Das System, das er beschreibt, zur ''kontinuierlichen, konsequenten Verschmälerung'', die notwendig war, um solche Schlankheit zu erreichen, war ihrem Wesen nach identisch mit dem heute im Englishwomen's Domestic Magazine empfohlenen, doch die praktische Ausführung war damals anders (das Englishwomen's Domestic Magazine ist fetischistisch, es werden darin oft Zitate aus Lords Buch gedruckt).

Es mag durch Lord geschehen sein, daß die Legende heute in der Kostümkunde von Herrmann Weiss (S. 226 und 582) zu finden ist, er war ein gelehrter und, so würde man denken, unparteiischer Schriftsteller, der augenscheinlich jedoch konservativ eingestellt war, und der annahm, daß das Eng-Schnüren zu Beginn des 15ten Jahrhunderts in Frankreich seinen Anfang nahm, um später von Cathérine wiederbelebt und verbreitet zu werden. Weiss gibt der rigorosen Etikette Frankreichs im 17ten Jahrhundert, personifiziert durch die vehement anti-protestantische (und damit anti-deutsche) Madame de Maintenon, die Schuld an dessen Weiterbestehen bis zur Revolution.

Aus dem frühen 20. Jahrhundert sind uns frei erfundene Dialoge überliefert, in denen Cathérine sehr ausführlich über die erstaunlichen Figurveränderungen durch ein Korsett spricht, sogar während sie gleichgültig zur Kenntnis nimmt, daß ihre Dienerinnen regelrecht an dieser Qual zugrunde gehen (L'Heureux, S. 120f.). 1929 schrieb ein Psychologie-Professor der Columbia University (Hurlock, S. 104 und S. 185f.), daß ''jede Frau, ungeachtet ihres Körperbaus, einen Taillendurchmesser (sic) von 13 Zoll (33 cm) vorweisen mußte, wenn sie in Hofkreisen (Cathérines) zu verkehren wünschte''. Diese Forderung hielt man für so wichtig, daß sie an anderer Stelle in demselben Buch in der gleichen Form wiederholt wird. Wir sind nun sicher, daß es Königin Elisabeth war, die die 13-Zoll-Taille in die englische Modewelt einführte (die erwähnten Dialoge findet man bei Roach, 1965, S. 348). In einem Buch über Korsetts, das 1951 erschien (Crawford, S. 7 und S. 19f.), findet man die 13-Zoll-Taille als Modell für die Zeit Cathérines wie auch für das Jahr ''1889''.


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