Mein erstes Korsett (1870) Berichte Wie ich eine 14-Zoll-Taille
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Memoiren eines Korsetts (1880)

von Jacques Redelsperger, L'Art de la Mode, 1880, S. 33, gekürzt

Ich bin kein gewöhnliches Korsett. Ich bestehe aus weißem Satin, bin eingefaßt mit italienischer Spitze, meine Ösen und Verschlüsse sind silbern, die seidenen Schnüre sind mit mindestens 3 cm Breite (dies ist kein Druckfehler) wirklich bemerkenswert, und meine Verstärkungen im Brustbereich können sich, ohne zu übertreiben, rühmen, mehr Schätze geborgen zu haben als die meisten ihrer Art auf dieser Erde. Ich wurde im Anschluß an eine lange Unterredung geboren, sechs Personen arbeiteten zwei Tage lang, um mich auf die Welt zu bringen - und ich war perfekt! Stellen Sie sich meine Enttäuschung vor, als ich erfuhr, daß ich wegen Schwangerschaft abbestellt worden war. Am nächsten Tag, als ich die zukünftige Mutter kommen sah, erschauerte meine Korsettstange vor Schmerz: Meine Güte, wie hübsch sie war! Und so perfekt gebaut! Ich dachte wütend daran, daß nicht ich, sondern ein anderes diesen wunderbaren Körper umschließen würde.

Ich wurde auf einem Wachsmodell im Schaufenster ausgestellt und es dauerte nicht lange, bis mich eine ebenso hübsche Frau erwarb. Während ich ihr beim Auskleiden zusah, zappelten meine Verzierungen vor lauter Ungeduld. Als sie mich anzog, schwollen meine Brustverstärkungen vor Stolz. Ich hörte in ihren Busen hinein und konnte mich in all ihre Empfindungen einfühlen. Am Abend, wenn sie mich ablegte, wurde ich immer sehr traurig und auf ihren Ehemann war ich dermaßen eifersüchtig, daß ich meine Ösen die ganze Nacht lang weit offen hielt. Dann, plötzlich, geriet das ganze Haus in Aufruhr. Das alles geschah mir zu Ehren. Ach, nun würde ich etwas zu sehen bekommen! Monsieur, die Dienerin meiner Lady, das Kindermädchen und der Diener, sie alle wurden hereingerufen. Und alle vier begannen, mit all ihrer Kraft an meinen Schnüren zu ziehen, so stark als ob sie ein Boot in den Hafen ziehen wollten, während meine Lady sich mit beiden Händen am Kaminsims festklammerte.

''Los,'' rief sie, ''ihr zieht ja gar nicht!'' Ihn zieht ja gar nicht! Und das sagte sie allen Ernstes! War ich unglücklich! Um nichts in der Welt konnte ich es noch länger aushalten; meine Ösen begannen auszureißen und meine Schnüre wurden merklich dünner und dünner. Meine Aufregung jedoch erreichte erst ihren Höhepunkt, als Monsieur sein Knie in den Rücken seiner Frau stemmte, um noch einmal kräftig zu ziehen. Um ein Haar hätte ich in allen Nähten nachgegeben. Das tat uns weh, ihr und mir! Ihr sogar noch mehr als mir! Die arme kleine Kreatur war violett angelaufen, sie nahm ein wenig Riechsalz, versuchte vergeblich, ihren Lufthunger zu stillen und lächelte matt, so wie man das in alten Zeiten wohl auch getan haben muß, während man irgendeiner Folter oder Qual ausgesetzt war.

Und kurz darauf gingen wir zu einem Ball! So hatte ich das erwartet, draußen herrschte eine Hitze von 30 Grad! Nun, sie stellte sich den Tatsachen, und obwohl ihr Gesicht ausdruckslos blieb, hörte ich doch ihr kleines Herz, wie es - bumm, bumm, bumm - beinahe zerbarst. Sie tat mir in einem positiven Sinne leid. Jedoch wurde das Ganze noch viel schlimmer, als sie begann, Walzer zu tanzen; all ihre Tanzpartner umfaßten unbekümmert ihre Taille, meine Versuche, sie mit meinen Stangen und Stäbchen zu stützen, um sie zu bewahren, erwiesen sich als vergeblich, die Männer wetteiferten dreist um meine Lady. Ich war entrüstet! Und Monsieur sah nichts! Ach, wenn ich ihm nur ein paar Worte hätte zuflüstern können über all das, dessen ich Zeuge wurde! Aber nein, er spielte Whist (Kartenspiel) - ein schöner Ehemann - während ich versuchte, seine Frau vor dem Schlimmsten zu bewahren; ich war wirklich zu gutmütig.

Gleich werden Sie sehen, wie weit meine Großmut noch ging; gegen drei Uhr morgens steckte einer ihrer Tanzpartner meiner Lady einen Liebesbrief zu, den sie umgehend in ihrem Dekolleté unterbrachte. Ich betrachtete diese Liebeserklärung als lächerlich und war entschlossen, alles weitere zu vereiteln. Das Herz meiner Lady begann, wie wild zu pochen, ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und drückte sie mit äußerster Anstrengung von allen Seiten so stark zusammen, daß sie das Bewußtsein verlor, vorher hatte ich es noch geschafft, den Brief zu verschlucken.

Nach ihrer Rückkehr betete sie eifrig und kam wieder zur Ruhe. Seither beherbergte ich keinen einzigen Liebesbrief mehr und meine Lady ist bezaubernd geworden, immer charmant und fröhlich; wissen Sie auch, warum? Weil sie sich nicht mehr wie wild eng schnürt. Das veranlaßt mich, folgenden Ausspruch zu tun: Eine Frau, die sich zu eng schnürt, hat einen schlechten Charakter!


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