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Der Korsetthandel im späten 19. Jahrhundert

Übersetzung aus ''Fashion and Fetishism'' von David Kunzle

Die Auseinandersetzungen um das Korsett verstärkten sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts, und zwar nicht zuletzt deshalb, weil es in wirtschaftlicher Hinsicht an Bedeutung gewann. Die Werbung für das Eng-Schnüren wirkte einerseits stimulierend auf die Wirtschaft, andererseits aber stellte sie auch eine Bedrohung für den Handel dar. Etwa in der Mitte des Jahrhunderts wurde das Korsett ''demokratisiert'', bis dahin war es eigentlich ein Luxusartikel, doch nun konnte sich auch die ländliche Bevölkerung erlauben, sich zu schnüren. Verbesserte Herstellungsmethoden und besonders die Erfindung der Nähmaschine ließen den Preis des nun in Massen produzierten Artikels so weit fallen, daß man ihn sich auch dann leisten konnte, wenn man der Arbeiter- oder Bauernklasse angehörte.

England, Frankreich und Deutschland befanden sich im Konkurrenzkampf gegeneinander und wetteiferten um den recht einträglichen amerikanischen Markt. Tonnen metallener Ösen wurden von Birmingham und Sheffield aus in die ganze Welt exportiert. Um 1860 arbeiteten schon 3772 Korsettmacher(innen) in Paris, ihre Zahl muß danach noch beträchtlich angestiegen sein. In der Umgegend Londons waren an die 10.000 Menschen in der Miederherstellung beschäftigt; in der englischen Provinz gab es weitere 25.000, meist weibliche Arbeitnehmer in dieser Sparte. Die Industrie war in dieser Zeit bekanntermaßen ausbeuterisch; die Löhne wurden als ausgesprochen mager bezeichnet, doch die Gewinne der Bosse waren enorm. In Deutschland produzierten viele Firmen ausschließlich für den amerikanischen Markt; eine in Württemberg (damals ein Industriezentrum) ansässige Fabrik exportierte in den frühen 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts jährlich 630.000 Korsetts. Doch gegen Ende dieses Jahrzehnts gingen viele dieser Firmen zugrunde, weil sich in Amerika selbst nun auch Industrie ansiedelte. (Larousse 1869, Plummer, La Santé und Heszky).

Mediziner bezogen Front gegen das Korsett, und am Ende des Jahrhunderts wurden ''hygienischere'' und vorne gerade geschnittene Korsetts als neue Versionen in die Mode eingeführt, das alles scheint aber auf den Handel als Ansporn gewirkt zu haben, zumindest in Frankreich, wo zwischen 1889 und 1901 nicht weniger als 678 neue Handelsnamen für ausgeklügelte Korsettbestandteile (Korsettstangen, -stäbchen, -federn und Schnürungssysteme) und 433 für ganze Korsetts registriert wurden, oft fand man die merkwürdigsten Bezeichnungen (häufig: Les Dessous Elégants). Neue Schnürvorrichtungen sahen horizontal verlaufende Verschlüsse, seitlich angebrachte Federn und konische Bänder vor; als Vorderverschlüsse wurden Nocken, Hebel und bewegliche Haken benutzt; eine Kombination von Verschluß und Schnürung, beide zu einem vereinigt, erlaubte schnelles An- und Ausziehen sowie rasches Enger-Schnüren und Lockern. Es gab das ''kompensatorische Korsett'' aus porösem Asbest sowie bisanté Fischbein und ein anderes (von dem berühmten Léoty), eine spiralenähnliche Konstruktion. Exotisch anmutende Materialien wie Achatpulver und etwas namens itzle wurden zur Stabilisierung verwendet; in ihren Anstrengungen, das An- und Ausziehen des Kleidungsstückes zu vereinfachen entwickelten die Erfinder immer komplexer werdende Systeme, deren Entwürfe den Zeichnungen eines Maschinenbauers gleichkamen. Eine Neuschöpfung von beinahe teuflischer Genialität war das Ligne Corset von Abadie-Léotard (Etude, 1904), das absichtlich so gefertigt war, daß jeder Versuch, es zu eng zu schnüren, extrem schmerzhaft war.


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