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Brief einer Mutter an die frisch verheiratete Tochter (1894)

Aus David Kunzle: ''Fashion and Fetishism''

K., den 12. September 1894

Mein liebes Kind!

Hab Dank für Deinen lieben, ausführlichen Brief aus Meran. Ich freue mich, daß Ihr dort so schöne Tage verleben könnt. Verbinden mich doch selbst die schönsten Erinnerungen mit diesem herrlichen Erdenfleck inmitten der gewaltigen Bergwelt.

Ich nehme an, daß Ihr inzwischen glücklich in Euer Heim in N. zurückgekehrt seid. Mit dieser Reise hat die Sommersaison endgültig nun auch bei Euch ihren Abschluß gefunden. Nur wenige Wochen trennen uns noch vom Winter mit seinen gesellschaftlichen Anlässen und Veranstaltungen, die Du nun zum ersten Mal an der Seite Deines lieben G., fern von Deinen Eltern erleben wirst. In Deinem Elternhaus hat es gewiß nicht an Gelegenheiten gefehlt, die Dinge zu lernen, die man kennen muß, wenn man sich in der großen Gesellschaft mit Anstand bewegen will. Ich baue fest darauf, daß Du die Regeln, an die man sich in unserm Hause gehalten hat, auch in Deinem jungen Heim einführen und pflegen wirst. Es wird Euch beiden das nicht schwer fallen, nachdem auch Dein G. aus einem vornehmen Hause stammt, in dem auf Wohlerzogenheit und Etikette gehalten wurde. Haltet auch ihr in Zukunft daran fest. Der Gedanke ist mir schrecklich, daß diese uns zum Ideal gewordene Ordnung sich einmal lockern könnte. Die Folgen für die Gesellschaft wären unabsehbar.

Wegen der bevorstehenden Wintersaison möchte ich Dich daran erinnern, daß das gesellschaftliche Leben nicht nur Unterhaltung sondern auch Pflichten mit sich bringt. Wenn bisher diese Pflichten in der Hauptsache von Euren Eltern getragen wurden, so werden sie jetzt auf Euch zukommen, nachdem Ihr einen eigenen Hausstand gegründet habt.

Meine Gedanken sind ständig bei Dir, seitdem Du Dein Elternhaus verlassen hast. Schreib nur recht oft, damit ich Dich auf all Deinen Wegen verfolgen und im Geiste begleiten kann. So oft möchte ich Dir noch meinen mütterlichen Rat geben weil ich denke, daß Du in Deinen jungen Jahren bei den Aufgaben, die auf Dich zukommen, noch Hilfe brauchst. Sei mir nicht böse, wenn ich in meinen Briefen gelegentlich ein paar Ratschläge einflechte. Du bist ja meine liebe H. und weißt genau, daß ich es nur gut mit Dir meine. Es wird Dein Nachteil nicht sein, wenn Du Dir meine Erfahrungen zu Nutze machst.

Sicher wirst Du nun die wenigen Herbstwochen noch nutzen, um Deine neue Wintergarderobe anzuschaffen. Was bringt die neue Mode doch wieder für herrliche Sachen, daß man nicht weiß, soll man nach Paris oder nach Wien den Blick richten.

Wie wir Frauen alle wirst Du nun wieder feststellen, daß nach den Sommermonaten, in welchen man sich gern der Bequemlichkeit etwas zu sehr hingegeben hat, die Taille wieder Sorgen macht. Wie gewöhnlich sind die Kleider zu eng geworden. Sei nicht lässig und laß Dich bei Deiner Jugend nicht verleiten, die neuen Kleider weitermachen zu lassen. Es wäre der erste Schritt auf einer schiefen Bahn und ewig schade um Deine gute Figur, auf deren Pflege wir doch gemeinsam so viel Mühe verwendet haben. Folge meinem Rat und pflege Deine Taille wie ich Dich das gelehrt habe. Sei stets eingedenk der Worte, daß die Figur die Grundlage der weiblichen Eleganz ist. Unsere gesellschaftliche Stellung verpflichtet uns zur Eleganz. Kleider machen wohl Leute, wie man zu sagen pflegt, aber ein Korsett allein macht noch keine elegante Dame. Sieh Dir die Frauen an, die in der Woche in einem Reformleibchen herumlaufen ''weil es so bequem ist'' und sich dann am Sonntag in einem Korsett à la mode eine Taille schnüren wollen. Sie wirken wie Karikaturen, weil sie sich in diesem, ihnen nicht gewohnten Habit nicht bewegen können. Eleganz ist nun einmal nicht bequem. Mit dem Korsett muß man aufgewachsen sein und sozusagen verwachsen sein, damit es zu einem Stück von uns selber wird. Es erfordert eben Übung, damit man sich im Korsett mit Anmut bewegen kann. Wenn ich Dich von früher Jugend an zum Korsetttragen angehalten habe, so hatte ich dafür meine guten Gründe. Wenn Du das Korsett anfangs auch nur widerstrebend angezogen hast, so wirst Du mir heute doch recht geben, daß ich damit nur Dein Bestes gewollt habe, und daß es so, wie wir es gemacht haben, richtig war. Weißt Du noch wie ich Dir die Schnürbänder am Morgen immer verknoten mußte, damit Du sie nicht heimlich auf dem Weg ins Lyzeum aufziehen konntest. Heute lachen wir beide über diesen kindlichen Streich. Inzwischen bist Du ja auch vernünftig geworden. Frau von P., Eure Pensionsmutter hat ja auch immer streng darauf gesehen, daß Ihr das Korsett so tragt, wie es sich für Mädchen unseres Standes gehört. Ich bin ihr dafür heute noch dankbar.

Früher war das Korsett ein Privileg der Königinnen und des Hochadels. Heute kann sich jede Frau ein Korsett kaufen und es ungestraft tragen. Eine enge Taille, wie die Mode sie vorschreibt, können sich aber nur die Damen unserer Kreise leisten, die in Verhältnissen leben, die es ihnen gestatten, das Personal zu halten, wie Du es von Deinem Elternhaus her kennst. Eine Dame der Gesellschaft, die sich ihrer Stellung entsprechend pflegen will, muß die Stunden nutzen, in denen ihr Mann seinen Geschäften nachgeht, damit sie, wenn er nach Hause kommt, ganz für ihn da sein kann. Für den Haushalt ist das Personal da. Es ist einer Dame unserer Kreise auch nicht würdig sich in der Küche aufzuhalten, denn der Küchendunst setzt sich sofort in den Kleidern fest. Zur Beaufsichtigung des Personals hast Du ja Deine Haushälterin.

Wenn Du nun Deine Einkäufe machen wirst, so wird Dein erster Gang zur Korsettiere sein. Laß Dir raten welche Taillenweite für Deine Statur in der diesjährigen Mode die richtige ist. Wir müssen uns unbedingt an das halten was die Mode vorschreibt. Versprich mir, daß Du Dir Deine Kleider alle im gleichen Taillenmaß arbeiten läßt. Wenn Du auch früher mit Johanna immer unter einer Decke gesteckt hast, damit sie beim Schnüren ein paar Zentimeter nachgab, so mußt Du jetzt daran festhalten, die Taille immer gleich eng zu tragen. Du gewöhnst Dich an die enge Taille genau so wie an die etwas weitere. An Deinem Kleid, das Du trägst, wird man aber erkennen, ob Du Deiner Taille die nötige Beachtung schenkst. Gebrauche fleißig Dein Bandmaß und laß Dich jeden Morgen so schnüren als gingst Du zum Ball. Du wirst sehen, daß Dir die Feste dann viel mehr Freude machen, wenn Du gewöhnt bist, Dich immer eng zu tragen. Als ich in Deinem Alter war, mußte ich immer sogar im Korsett schlafen gehen. Oma meinte, daß beim wachsenden Mädchen die Taille ständig zusammengehalten sein müßte. Wir hatten dafür besondere Nachtkorsetts aus festem Leinen, die nicht weniger fest als die Atlaskorsetts am Tage geschnürt wurden. Es hat uns aber nichts ausgemacht, wir haben auch mit dem Korsett vorzüglich geschlafen. Da wir Schwestern sehr eitel waren, haben wir die Korsetts noch naß gemacht; wenn sie geschnürt waren, wodurch sie noch fester am Körper anlagen, was der Taille besonders dienlich sein sollte, wie uns immer gesagt wurde. Ich teile Dir dies nicht mit, damit Du es auch so machen sollst, denn ich bin heute der Überzeugung, daß man dem Körper ein paar Stunden der Entspannung auch zu gute kommen lassen sollte. Richtig bleibt aber trotzdem, was Deine Großmutter uns immer gesagt hat, daß nämlich das enge Korsett am wenigsten zu spüren ist, wenn die Taille ständig geschnürt bleibt.

Nun wünsche ich Dir einen guten Einkauf und hoffe, daß ich Dich bald einmal aus einem freudigen Anlaß in Deiner neuen Toilette sehen kann. Mit herzlichen Grüßen auch von Papa bin ich

Deine Dich innig liebende Mutter.


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